Manipulierte Wahrheiten

Am 19.4.2010 hielt die Vertreterin des Deutschen Raiffeisenverbandes e.V. Berlin, Dr. Claudia Döring, einen Vortrag im Rahmen des gemeinsamen Seminars der Nutztierwissenschaften an der JLU Gießen. Das Thema war „Gentechnik in der Lebens- und Futtermittelwirtschaft: Rechtlicher Rahmen und aktuelle Diskussionen“.

Bei einer Vertreterin eines der größten Futtermittelhändler Deutschlands ist eine einseitige befürwortende Position gegenüber der Agro-Gentechnik zu erwarten gewesen, doch Frau Dr. Döring übertraf die schlimmsten Erwartungen der gentechnik-kritischen ZuhörerInnen.

Vorbildliche Unternehmen, uneinsichtige VerbraucherInnen
Sympathischerweise erzählte Frau Dr. Döring zu Beginn, dass sie selbst einige Jahre an der JLU Gießen als Mikrobiologin gearbeitet habe, und dass sich der Alltag im Labor von der Öffentlichkeitsarbeit, die sie nun für Raiffeisen mache, sehr unterscheide. Sie meinte allerdings nicht, dass die Arbeit im Labor mit der landwirtschaftlichen Wirklichkeit nicht viel zu tun habe, sondern dass unverständlicherweise den WissenschaftlerInnen trotz ihrer akademischen Ausbildung in der Gesellschaft kein Vertrauen entgegengebracht werde…

Sie hatte auch eine Erklärung dafür parat: Sie präsentierte das Zitat eines Theologen, der sinngemäß gesagt haben soll, dass die Gentechnik eigentlich kein technisches Problem sei, sondern eines der Kommunikation. Das hieß für Frau Dr. Döring, das Problem sei nicht die Gentechnik, sondern die uneinsichtigen, emotional und aus dem Bauch heraus handelnden VerbraucherInnen, die einfach nicht von den Vorteilen der Gentechnik zu überzeugen seien. Dieser Tenor durchzog ihren Vortrag in schillernden Beispielen, und so bestand ein Großteil ihres Vortrages in der Diffamierung dieser VerbraucherInnen und den vermittelnden NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen).

Sie behauptete beispielsweise, wenn die Unternehmen in allerbester Absicht versuchten, VerbraucherInnen die Ängste vor GVO zu nehmen, würden sie damit erst recht auf deren Ablehnung stoßen, weil sich die VerbraucherInnen pauschal der Möglichkeit auf eine eigene Meinung beraubt sähen. Damit weist sie die Schuld für die Nicht-Akzeptanz von GVO den VerbraucherInnen zu, und stellt diese als beratungs-resistent dar, ohne ihnen eigene Expertise zuzugestehen. Die Möglichkeit, dass es sich bei der VerbraucherInnen-Ablehnung um ein berechtigtes, auf schlechten Erfahrungen beruhendes Misstrauen gegenüber Konzernen handelt, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Und die Unternehmen sind mit dieser Argumentation aus der Verantwortung entbunden.

Auch das Beispiel einer Umfrage durfte nicht fehlen, bei der sich als ein Ergebnis ergab, dass die befragten VerbraucherInnen von „gentechnikfreien Produkten“ erwarteten, dass sie „genfrei“ seien, was biologisch natürlich unmöglich ist. Fünf weitere Ergebnisse der Studie, die auf der gleichen Vortragsfolie zu sehen waren und bei der differenzierte VerbraucherInnen-Antworten fielen, wurden von ihr überhaupt nicht kommentiert.

Anhand einiger Kampagnen-Bilder von Greenpeace und der Rapunzel-Aktion „Gen-frei gehen“ verdeutlichte Frau Dr. Döring die Unwissenschaftlichkeit bzw. Unwissenheit von NGOs . In diesen Fällen ist ihr sogar Recht zu geben: es ist einfach ungenau, „gen-frei“ statt „gentechnik-frei gehen“ zu wollen. Und wenn Greenpeace vor dem Brandenburger Tor mit Menschen die Worte „gen-frei“ legt, dann ärgert das auch mich als Gentechnik-Kritikerin, eben weil diese Art der Darstellung so leicht zu widerlegen ist. Ich meine, den VerbraucherInnen kann die Silbe „tech“ oder „technik“ durchaus zugemutet werden. Doch Frau Dr. Döring beschränkt sich auf diese lächerlichen „Fehler“ von Gentechnik-KritikerInnen und verschweigt deren stichhaltige Kritikpunkte an Agro-Gentechnik. Dadurch entsteht ein einseitiges, falsches Bild, das wiederum nur dazu dient, ihre eigene Position zu stärken, und nicht dazu, sich differenziert mit der Problematik Gentechnik auseinander zu setzen. Manipulierte Wahrheit 1

Gentechnik als Rettung gegen den Welthunger
Der Vortrag begann schließlich, wie inzwischen bei Gentechnik-BefürworterInnen allgemein üblich, mit einer Übersicht über die angeblich katastrophale landwirtschaftliche Situation, auf die wir uns in den nächsten 40 Jahren einzustellen hätten: wachsende Bevölkerung weltweit, also mehr hungrige Mäuler zu stopfen, abnehmende landwirtschaftliche Flächen durch Flächenversiegelung (Häuser- und Straßenbau etc.) und eine zunehmende Konkurrenz landwirtschaftlichen Anbaus für Nahrung, nachwachsende Rohstoffe und Energiegewinnung. Und das alles unter der Herausforderung des Klimawandels, der die Bedingungen für Landwirtschaft noch einmal verschlechtern würde.

Was im Vergleich zu anderen gentechnik-befürwortenden Vorträgen fehlte, war der explizite Hinweis darauf, in welcher Weise gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen in diesem Zusammenhang überhaupt sinnvoll sein könnten. Auf Nachfragen in der anschließenden Diskussion gab Frau Dr. Döring an, davon ausgegangen zu sein, dass dieses Wissen beim Publikum schon vorhanden sei.

Akzeptiert: Die meisten dürften schon einmal von den Wunschträumen der WissenschaftlerInnen und der Industrie gehört haben, dass gv-Pflanzen trockenheitsresistenter oder weniger krankheitsanfällig sein könnten als konventionell gezüchtete (auch wenn der langfristige Beweis seit 30 Jahren aussteht, und inzwischen konventionell gezüchtete Pflanzen diese Eigenschaften schon mitbringen). Praktischerweise fällt durch die Nicht-Erwähnung dieses Zusammenhangs aber auch gleich die Diskussion darüber weg, ob die genannten Bedrohungen der weltweiten Ernähungssituation tatsächlich so vorhanden sind bzw ob ihnen nicht auch auf andere Art und Weise begegnet werden könnte als mit gv-Pflanzen, und ob diese tatsächlich in der Lage sind, den ihnen gestellten Anforderungen zu genügen. Manipulierte Wahrheit 2

Verharmlosung der Gentechnik-Proteste
Nach diesem Realitätsentwurf stieg Frau Dr. Döring mit einer eklatanten 3. Wahrheitsmanipulation ein: Der Protest in Deutschland hätte erst 2004 begonnen, genauer seit dem 18. April 2004, dann nämlich, als eine neue EU-weite Kennzeichnungsverordnung für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingeführt wurde. Zuvor seien GVO in Lebensmitteln angeblich nicht kennzeichnungspflichtig gewesen, und erst seitdem seien die BürgerInnen auf die Barrikaden gegangen. Die Anbauperiode von gv-Pflanzen in Europa und Deutschland 1993-1998 verschwieg sie komplett und damit auch die damals schon intensiven Proteste dagegen in der Bevölkerung, auch in Deutschland, auch in Hessen. Dass die Proteste erst 2004 wieder aufflammen konnten, weil 1998-2004 ein europaweites Moratorium, also Import- und Anbaustopp für GVO, bestand, blieb unerwähnt.

Der Mythos der kontrollierbaren Agro-Gentechnik
Damit verschwieg sie vor allen Dingen auch, dass sich die Proteste in den 1990er Jahren vor allem gegen die unkontrollierte Ausbreitungsgefahr von gv-Pflanzen auf dem freien Feld richtete. Die Industrie, Politik und Wissenschaft behauptete damals nämlich noch, gv-Pflanzen würden nicht auskreuzen und Landwirte, die keine GVO anbauen wollten, könnten dies auch ohne Einschränkungen weiterhin tun. Heute sehen wir die Befürchtungen von damals bestätigt: Raps, der unter anderen auch von einem Gießener Professor für nicht auskreuzungsfähig erklärt wurde, wächst auf Versuchsfeldern in Deutschland auch nach über zehn Jahren immer wieder durch und wird heute für die auskreuzungs-intensivste Pflanze im deutschen Raum gehalten. Diverse gentechnisch veränderte Produkte (LibertyLink-Reis von Bayer, Leinsamen etc.) wurden in der Nahrungskette gefunden, obwohl sie noch nicht einmal für den Handel zugelassen waren, und obwohl es davon teilweise nur ein einziges Versuchsfeld gegeben hatte – einfach nur durch Auskreuzung oder schlampigen Umgang mit der Ernte.

Heute haben die verantwortlichen Gentechnik-BefürworterInnen die Position der Nicht-Auskreuzbarkeit verlassen, und konstatieren die Möglichkeit einer gentechnik-freien Landwirtschaft bei Annahme eines Toleranzwertes von 0,9 %. Wer biologische Abläufe kennt, weiß, dass sich dieser Toleranzwert in den nächsten Jahren erhöhen wird/muss, wenn sich die Auskreuzungen auf dem Acker potenzieren. Doch Frau Dr. Döring ging auf diesen Kritikpunkt nicht ein: Manipulierte Wahrheit 4. Man kann ihr jedoch nicht vorwerfen, sie hätte die Ausbreitungsskandale nicht erwähnt: intensiv wurden sie benannt, allerdings im Zusammenhang der riesigen Verluste, die die Wirtschaft durch übertriebene Sicherheitsmaßnahmen erleidet, wenn nicht-zugelassene gv-Pflanzen wie der LibertyLink-Reis aus der Lebensmittelkette zurückgerufen und Landwirte entschädigt werden müssen, wie gerade wieder aktuell in der Presse zu lesen. Doch dazu später mehr.

Gentechnik ist schon überall drin
Eine der Hauptthesen von Frau Dr. Döring war die gerade frisch in der Unternehmenskommunikation aufgekommene, dass schon überall GVO drin sei. Dabei vermischte auch sie munter gentechnisch veränderte Pflanzen, die Produkte, die daraus hergestellt werden, und Produkte, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden. Die Verfasserin dieses Berichtes ist der Meinung, dass zwischen diesen Produktionsstufen tatsächlich Unterschiede bestehen. Ein Produkt aus gv-Pflanzen, z.B. ein Pflanzenöl besteht unbestrittenermaßen aus einem GVO. Bei bestimmten Bakterien jedoch, die so gentechnisch verändert werden, dass sie erwünschte Stoffe ausscheiden, z.B. Insulin oder bestimmte Enzyme für die Lebensmittelverarbeitung, enthält das Produkt kein GVO mehr, sondern wurde von ihm (dem gentechnisch veränderten Bakterium) produziert. Ob das nun besser oder schlechter ist als eine gv-Pflanze soll an anderer Stelle diskutiert werden. Dass die unkontrollierbare Verbreitungsgefahr von gv-Pflanzen auf dem freien Feld viel größer ist als die Enzym-Produktion im Labor, ist ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang diskutiert werden müsste. Manipulierte Wahrheit 5

Bei der Darstellung der beeindruckend hohen Zahlen, wieviel Fläche gv-Pflanzen weltweit bereits einnehmen, wird meistens „vergessen“ zu erwähnen, wieviel Prozent dieser Anteil an der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion beträgt: nämlich gerade einmal im einstelligen %-Bereich. Manipulierte Wahrheit 6

Diffamierung von Gentechnik-GegnerInnen
Als hervorstechendstes, brilliant konstruiertes Beispiel aus diesem Themenkomplex sei hier Baumwolle genannt, von der angeblich weltweit schon 50 % nur noch in gentechnisch veränderter Form zu haben sei. Das bedeute, so Frau Dr. Dörings Ausführungen, dass von einer Jeans jeweils ein Bein aus gv-Baumwolle bestehe. Daraufhin wurde ein Bild von der jüngsten Feldbesetzung durch Witzenhausener Agrarstudierende nahe Göttingen gezeigt: 10 junge Leute posieren vor und auf einer Sämaschine der KWS (Kleinwanzlebener Saatgut AG), die sie gerade besetzt haben, um die Aussaat von gv-Zuckerrüben zu verhindern. Jeweils ein Hosenbein der Abgebildeten ist mit einem Pfeil markiert, der die gentechnische Veränderung anzeigen soll. Frau Dr. Döring bemerkte süffisant, wie diese Studierenden gegen Agro-Gentechnik protestieren könnten, wenn sie selbst gentechnisch veränderte Hosen trügen…

Bei dieser Darstellung konnten sich die anwesenden Gentechnik-KritikerInnen nicht mehr zurückhalten, obwohl sie sich vorgenommen hatten, das Ende des Vortrags für Gegendarstellungen abzuwarten. Sie monierten, dass Frau Dr. Döring die Studierenden ja gar nicht kenne, und deshalb gar nicht wissen könne, welcher Art deren Bekleidung sei. Schließlich gibt es noch diverse Möglichkeiten, ökologisch und sogar fair hergestellte Kleidung zu bekommen. Frau Dr. Döring musste dies zugeben, entschuldigte sich aber damit, dass sie die ZuhörerInnen auch etwas „unterhalten“ wolle.

Dieser Vorsatz in allen Ehren (ist die universitäre Lehre ja tatsächlich oft trocken und zäh), ist diese Art von „Unterhaltung“ doch sehr fragwürdig: 1. geht sie auf Kosten derjenigen, die die gegenteilige Position zu ihrer beziehen. Damit diffamiert sie quasi ihre „GegnerInnen“ und verschafft sich dadurch einen rhetorischen Vorteil. Zumal die Studierenden bis dato von dem Vortrag nichts wissen, und nicht selbst darauf reagieren können. Also eine sehr billige Vorteilsbeschaffung. 2. stellt sich die Frage, ob Menschen, die etwas kritisieren wollen, auch ihren Lebenswandel 100%ig nach dieser Kritik ausrichten müssen, geschweige denn können, wenn man Frau Dr. Dörings These glaubt, dass es so gut wie keine gentechnik-freien Produkte mehr gibt. Da ich Witzenhausener Studierende kenne, kann ich sagen, dass sie sehr vorbildlich darin sind, nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen zu leben. Und 3. reagierte zumindest der Moderator der anschließenden Diskussion sehr empfindlich darauf, als ich Frau Dr. Döring rhetorische Kniffe im Vortrag vorwarf. Sehr ungleiche Bedingungen also für Vortragende und Kritikerin. Manipulierte Wahrheit 7

Abschließend müssen wir feststellen: Dr. Claudia Döring macht sich tatsächlich verdient um den Raiffeisen-Verband. Rhetorisch gut geschult versteht sie es, unkritischen ZuhörerInnen die angeblichen Schrecknisse eines GVO-freien Deutschlands vor Augen zu führen. Besonders erschreckend war allerdings, dass die anwesenden Professoren nicht nur die ideologische Färbung dieses Vortrags nicht kritisierten, sondern der Referentin noch Hilfestellung gaben, um die Vorteile der Agro-Gentechnik besser darzustellen.

Simone Ott
Fortsetzung folgt

17.4.2010
Widerstand gegen Gentechnik erreicht die Hochschulen

Witzenhausen/Gießen – Am gestrigen Freitag fand bundesweit der erste „Gentechnikfreie Hochschultag“ statt. StudentInnen in Aachen, Berlin, Bremen, Eberswalde, Gießen, Göttingen, Hohenheim, Kassel, Marburg und Witzenhausen nahmen teil. An dem durch die Initiative „Witzenhäuser Agrar-Studierende, Landwirte und Gärtner für eine gentechnikfreie Landwirtschaft“ initiierten Tag gab es an nahezu allen Agrarfakultäten Deutschlands Demonstrationen, Informationsveranstaltungen und viele weitere kleine und große Aktionen. Mit diesem Tag wollen Studentinnen und Studenten im ganzen Bundesgebiet ein klares Zeichen für eine gentechnikfreie Landwirtschaft sowie für gentechnikfreie Lebensmittel setzen. Mehr noch: Sie fordern eine ökologische, dem Menschen dienende Ausrichtung von Wissenschaft und Forschung.

Fakt ist: 80 Prozent der deutschen und europäischen Bevölkerung lehnen die Gentechnik auf ihren Feldern und Tellern ab. Fakt ist auch: Trotzdem fließt ein Betrag im dreistelligen Millionenbereich in die sogenannte Sicherheitsforschung. Lediglich einstellige Millionenbeträge stehen dagegen zur Förderung des ökologischen Landbaus bereit. „Besonders schlimm ist die Tatsache, dass es sich bei dieser Summe um öffentliche Gelder handelt – der Steuerzahler bezahlt also etwas, dass er nicht haben will“ so Benjamin Volz, Student von der Universität Kassel und einer der Organisatoren des „Gentechnikfreien Hochschultages“.

Besonders dramatisch sehen die Studenten die offensichtlich unfaire Verteilung von Forschungsgeldern im Zusammenhang mit dem Weltagrarbericht. In dem von 400 WissenschaftlerInnen erarbeiteten Dossier heißt es, dass die Welternährung ausschließlich durch nachhaltige, kleinbäuerliche Landwirtschaft gesichert werden kann und nicht durch uniformes, patentiertes Saatgut weniger multinationaler Konzerne.

Leuchtendes Beispiel einer auf Biotechnologie ausgerichteten Universität ist die RWTH Aachen. Ira Heilberg, die an dieser Uni studiert, berichtet von einseitigen Vorlesungen und mangelnder kritischer Hinterfragung des Themas Agro-Gentechnik. „Die Lebenswissenschaften scheinen heute nicht dem Allgemeinwohl verpflichtet zu sein, sondern den Interessen der Pharma-, Chemie- und Agarindustrie. Wenn sich die Wissenschaft jedoch wichtigen, gesellschaftsrelevanten Fragen verweigert, ist es höchste Zeit das Selbstverständnis der Wissenschaft in Frage zu stellen,“ konstatiert Heilberg.

Auch in Gießen klagen Studierende über einseitig positive Darstellungen der Agro-Gentechnik in Lehrveranstaltungen. Kritische Fragen oder Anmerkungen werden von einigen DozentInnen übergangen oder sogar lächerlich gemacht. „Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die nicht unserem Bild von freier Wissenschaft entspricht“, moniert Simone Ott, die ihr Studium an der JLU bereits abgeschlossen hat. „Aufgabe der Universität ist es, Studierende zu freien WissenschaftlerInnen auszubilden und nicht, unkritische Erfüllungsgehilfen der Agro-Industrie heranzuziehen.“

Am gestrigen Freitag wurden Informationshandzettel von der „Arbeitsgruppe Agro-Gentechnik in Gießen“ (AGG) im Bereich der Naturwissenschaften verteilt. Sie wurden von vielen Studierenden und auch MitarbeiterInnen mit Interesse aufgenommen und debattiert. Die Verantwortlichen hoffen, mit dieser Aktion die Diskussion über den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft erneut angestoßen zu haben.

Bewusst wurde der gentechnikfreie Hochschultag auf den 16. April gelegt. Der Grund: Er weist auf den weltweiten Aktionstag der internationalen Bauernbewegung „La Via Campesina“ hin, welcher einen Tag später, also am 17. April stattfindet. An diesem Tag ruft der „Dachverband des bäuerlichen
Widerstandes“, der sich aus 148 Mitgliedsorganisationen der ganzen Welt zusammensetzt, zum gemeinsamen Widerstand gegen die Übermacht der Großkonzerne auf. Auf friedliche Weise setzt sich „La Via Campesina“ an diesem Tag für die Rechte der Kleinbauern, Landlosen und indigenen Völker
ein.

Kontakt:
www.AGG.blogsport.de
Mail: GENug-ist-genug@listi.jpberlin.de

Für Fragen zum Thema Forschungsgelder:
Dr. Steffi Ober,
Referentin für Agrogentechnik beim NABU,
Tel:030/284984-1612
www.NABU.de

Pressemitteilung vom 9. April 2010

Zwischen Studium, Klausuren und Idealismus: Witzenhäuser Studenten besetzen
erneut Gentechnikfeld der KWS

von Phillip Brändle

Witzenhausen. Es ist ein weiterer Spagat den die Studentinnen und Studenten der Initiative „Witzenhäuser Agrar-Studierende, Landwirte und Gärtner für eine gentechnikfreie Landwirtschaft“ in diesen Tagen machen müssen. Das neue Semester steht vor der Tür, noch sind Klausuren sowie Hausarbeiten zu schreiben. Und trotzdem bleiben sie ihren Idealen treu: Heute in den frühen Morgenstunden besetzte die Gruppe ein Versuchsfeld der KWS Saat AG nördlich von Göttingen, auf dem in Kürze die Aussaat von gentechnisch manipulierten Zuckerrüben starten soll.

Es hat den Anschein als würde es zu einer Tradition: Die KWS Saat AG – Deutschlands größter Saatgutkonzern – will erneute Versuche mit gentechnisch manipulierten Zuckerrüben durchführen und stößt dabei immer wieder auf den Widerstand angehender Agrarwissenschaftler aus Witzenhausen. So geschehen 2008 in Northeim und 2009 in Dreileben. Auch in diesem Jahr hat sich die Gruppe fest vorgenommen, die bittere Saat auf dem Acker zu verhindern. „Wir werden nicht nachgeben, bis die KWS endgültig dazu bereit ist, ihre Gentechnikversuche aufzugeben“ erklärt Agrarstudent Benjanin Volz, einer der Umweltaktivisten.

Bei diesem Akt des zivilen Ungehorsams sehen sich die jungen Menschen getragen von einer breiten Bevölkerung, die mit einer deutlichen Mehrheit von rund 80 Prozent die Gentechnik nachdrücklich ablehnt. Auch in ihren Argumenten sehen sich die angehenden Agrarwissenschaftler bestätigt: „Es hat sich klar gezeigt, dass die Agro-Gentechnik keinerlei Nutzen für die Gesellschaft hat“, erklärt Volz. Im Gegenteil: Sie sei das Sahnehäubchen der industriellen Landwirtschaft, die mit ihrem enormen Bedarf an Energie und Ressourcen erst zur Verschärfung heutiger Probleme geführt hat – wie Hunger und Klimawandel. Mehr noch: Es fehlt an Langzeitstudien zu gesundheitlichen Auswirkungen, das Patenrecht zwingt die Landwirte in die Abhängigkeit großerKonzerne. Darüber hinaus konstatiert Volz, dass „die staatlichenZulassungsbehörden mehr als nur parteiisch sind.“ Fakt ist: Nach 13 JahrenErfahrung mit dem Anbau genetisch manipulierter Pflanzen wird am BeispielKanadas deutlich, dass eine Koexistenz, wie sie auch von der KWS vertreten wird, nicht zu machen ist. Auch zeigt sich in der Praxis, dass die viel propagierte Reduktion von Spritzmitteln beim Anbau von gentechnisch manipulierten Pflanzen nur auf die ersten Jahre des Anbaus zutrifft, anschließend aber wieder um ein vielfaches ansteigt. Und: Es entstehen herbizid-resistente Beikräuter, gegen die Gentechnik-Farmer zunächst mit dem Totalherbizid „Roundup“ der Firma Monsanto und dann mit zusätzlichen Pestiziden vorgehen müssen. Kurz: die Bilanz ist vernichtend!

Angesichts dieser Fakten fühlt sich die Initiative „Witzenhäuser Agrar-Studierende, Landwirte und Gärtner für eine gentechnikfreie Landwirtschaft“ bei ihrem Widerstand auf den Gen-Acker im Recht und das trotz der aktuellen juristischen Situation. „Wir werden auf dem Acker ausharren, bis die Saat verhindert ist, nicht zuletzt weil wir uns in unserer Existenz bedroht sehen“. Ihr Studium wird darunter nicht leiden „schließlich lässt es sich auf einem gepflügten Acker auch gut lernen“ meint einer der Studenten.

*Kontakt für Presse und Medien:*
Phillip Brändle
Unter den Weinbergen 6
37213 Witzenhausen
Tel: 05542/6199550
Mobil: 0163/9709645
Mail: phillip.braendle@googlemail.com

Web: www.kws-gentechnikfrei.de

*Direkter Kontakt zum Feld:*
Daniel Brand
Mobil: 0157/77253934

*Redaktioneller Hinweis:*
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17.3.2010
Universität Gießen
„Energiepflanzen“ vorgestellt im malerischen Freilichtmuseum Hessenpark

Das multi-disziplinäre Forschungsprojekt „Energiepflanzen – Landschaft der Zukunft“ wurde am 11. März im Rahmen eines Symposiums in einer modern restaurierten hessischen Fachwerkscheune der Öffentlichkeit präsentiert. Jens Scheller, Geschäftsführer des Hessenpark, begrüßte die Anwesenden mit enthusiastischen Ausführungen über kleinteilige, dezentrale Strukturen in der Landwirtschaft und der Archefunktion, die der Hessenpark auch weiterhin für selten gewordene Tierarten und Pflanzensorten übernehmen wolle.
Etwa 100 Interessierte aus Wissenschaft, Unternehmen, Interessenverbänden und dem hessischen Ministerium waren gekommen, um den Ergebnispräsentationen der beteiligten WissenschaftlerInnen zu folgen. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und NATURpur, Institut für Klima- und Umweltschutz, einer 100%igen Tochter des südhessischen Energieunternehmens HSE. „Als erstes Unternehmen der Energiebranche hat die HSE schon 1999 dieses eigenständige Institut für die Forschung und Entwicklung von erneuerbaren Energien gegründet, und sich zum Ziel gesetzt, konkrete Forschungsprojekte für eine nachhaltige Energieversorgung zu unterstützen,“ erläuterte Matthias W. Send, Vorsitzender der Geschäftsführung NATURpur. Drei Biogasanlagen betreibt die HSE in Südhessen und Send berichtete vom Zustandekommen dieses Transfer-Projekts als wissenschaftliche Begleitung der Einrichtung dieser Anlagen.
Referenzgebiet war deshalb Südhessen unter der Annahme verschiedener Szenarien, um die Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und die CO2-Einsparungen mit Silomais in einer Biogasanlage durchzuspielen. Dabei lagen allen Szenarien ein steigender Maisanbau für Hessen zugrunde (entweder Silo- oder Futtermais), da gerade diese Pflanze momentan gezielt durch die EU gefördert würde.
Die Ausführungen von Prof. Dr. Dr. hc. Friedrich Kuhlmann (Betriebslehre der Agrar- und Ernährungswirtschaft) steckten die ernüchternden Möglichkeiten ab: Unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität bei den augenblicklich zu erzielenden Maispreisen ging er von einem maximalen Anbau auf 20% der Ackerflächen aus. 4 % des hessischen Strom- und 2% des Wärmebedarfs könnten dadurch gedeckt werden.
Prof. Dr. Stefan Gäth (Abfall- und Ressourcenmanagement) konnte den damit arbeitenden Biogasanlagen der HSE einen Erntefaktor von 4 bescheinigen (es entsteht viermal so viel erneuerbare Energie wie fossile Energie hineingesteckt wird). 80% der Treibhausgase können somit im Vergleich zu einem üblichen deutschen Kohlekraftwerk eingespart werden.
Für den Gewässerhaushalt konnte Prof. Dr. Hans-Georg Frede (Ressourcenmanagement) keine negativen Veränderungen feststellen. Höchstens in Hanglagen könnte sich das Fließverhalten von Wasser durch den Maisanbau verstärkend auf Bodenerosion auswirken. Der Stickstoffaustrag ändere sich dadurch ebenfalls kaum. Die Auswirkung von Pestiziden hatte er zwar nicht untersucht, konnte aber aus Erfahrung sagen, dass beim Anbau von Silomais möglicherweise weniger Pestizide gebraucht würden als beim Anbau von Weizen oder Körnermais, weil das Feld als Ganzes in die Biogasanlage wandere, und ein paar Beikräuter dabei keine Rolle spielten. Die größte Pestizidbelastung im Wasser entstehe ohnehin nicht auf den Äckern, sondern direkt auf den landwirtschaftlichen Höfen.
Prof. Dr. Annette Otte hatte sich zu guterletzt mit der Artenvielfalt von Pflanzen an den Ackerrändern beschäftigt. Allgemein konnte sie ausführen, dass im Zusammenhang mit Maiskultur am wenigsten Artenvielfalt am Ackerrand herrsche, während sie bei Weizen am größten sei. Bis zu einer Anbaufläche von 45 % würde sich die beobachtete Artenvielfalt jedoch nicht merklich erhöhen oder senken. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass durch unsere aktuell schon recht intensive Landwirtschaft die Wildkräuter-Artenvielfalt schon sehr abgenommen habe. Sie bezeichnete sie als Teil der bäuerlichen Kulturlandschaft, und 53 von 264 in Südhessen verzeichneten Arten seien schon selten oder verschollen. Eine Abwendung von der Maiskultur hielt auch sie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten für unwahrscheinlich, plädierte jedoch für das Austesten neuer Fruchtfolgen und einer Festlegung von Schutzräumen ohne Maisanbau.
Das Thema Gentechnik in der Landwirtschaft wurde nur am Rande gestreift. Prof. Kuhlmann äußerte sich optimistisch, dass bei gesteigertem Maisanbau der Leidensdruck für die Wahl von gentechnisch veränderten Maissorten durch den dann möglicherweise stärkeren Schädlingsbefall die aktuelle politische Verbots-Entscheidung beeinflussen würde.
Mark Weinmeister, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, fasste zusammen, dass neben Solar-, Wind-, Wasserkraft und Tiefengeothermie die Energiegewinnung aus Biomasse gesteigert werden müsse. Dabei dürften Energiepflanzen jedoch den Nahrungspflanzen keine Konkurrenz machen. Deshalb müsse z.B. die Nutzung von Grün- und Waldschnitt und Resten aus der Lebensmittelverarbeitung verstärkt werden. Gleichzeitig wolle er die Landwirte als Energiewirte an der Wertschöpfung beteiligen und keine neuen Abhängigkeiten durch eine reine Zuliefererrolle schaffen. Deshalb setze er auf regionale Betriebe. Als Abschluss des Symposiums eröffnete er die Ausstellung „Energiepflanzen – Landschaf(f)t nutzen“, die noch bis Ende November im Hessenpark zu sehen sein wird.
Aus finanziellen und kapazitätsbedingten Gründen konnten einige Themen im Rahmen dieses Forschungsprojektes nicht untersucht werden: Ein Szenario unter bewusster Abwendung von großflächiger Landwirtschaft, landwirtschafts-ästhetische Aspekte, bodenkundliche Untersuchungen und die Betrachtung der Tierwelt unter Biodiversitätsgesichtspunkten.
Dr. Patricia Schmitz-Moeller, Programmdirektorin der DFG, freute sich jedoch über dieses unübliche Transfer-Projekt: „Mit der Industrie gibt es solche Transfer-Projekte schon häufig. Warum sollten andere universitäre Arbeitsbereiche nicht auch solche Kooperationen eingehen?“ Sie hoffe, dass in Zukunft noch mehr Zusammenarbeit dieser Art entstünde.

11.1.2010

Pünktlich gab der Anwalt Tronje Döhmer die Revisionsschrift beim Oberlandesgericht in Frankfurt ab. Haarklein wurde das Urteil der Berufungsverhandlung vom letzten Jahr auseinandergenommen.
Angeklagter und Anwalt haben eine ziemlich große Menge von Rechtsfehlern gefunden – so wurden allein 9 Beweisanträge überhaupt nicht behandelt.
Das Urteil kann nun jederzeit bestätigt oder aufgehoben werden. Im ersten Fall heißt es dann 6 Monate Gefängnis, im zweiten muss der spektakuläre Prozess wiederholt werden!
Der Mitangeklagte Neuhaus legte keine Revision ein. Seine Haftstrafe war in Geldstrafe und gemeinnützige Arbeit umgewandelt worden.

Wer viel Muße hat, kann sich die knapp 150 Seiten hier durchlesen. Die Form ist für alltägliche Lesegewohnheiten allerdings schwer verdaulich:
in Revisionsschriften muss immer alles in den Text eingefügt werden – es darf nicht mit Verweisen und Quellen gearbeitet werden.

Revisionsschrift
Und hier noch ein Rückblick auf das vergangene Berufungsverfahren

18.12.2009 13:41
Gießener Wissenschaftlern gelang Entwicklung salzresistenter Maispflanzen durch konventionelle Züchtung!
Dazu die Pressemitteilung der Universität:
Ausführlicher Bericht von Sarah Hatzig, Christian Zörb und Sven Schubert in der neuesten Ausgabe des „Spiegels der Forschung“: Forschern des Instituts für Pflanzenernährung der Justus-Liebig-Universität Gießen ist es kürzlich gelungen, salzresistente Maispflanzen auf klassischem Züchtungsweg zu entwickeln. Damit konnte eine grundlegende Voraussetzung geschaffen werden, den Anbau von Nutzpflanzen auf versalztem Kulturland zu ermöglichen.

Weltweit erfährt der Anbau von Nutzpflanzen eine wesentliche Beeinträchtigung durch Bodenversalzung. Vor allem in trockenen Klimazonen führen unzureichende Niederschlagsmengen zu einer Anreicherung von Salzen im Oberboden. Die Folge ist eine Verminderung der Bodenfruchtbarkeit. Forschern des Instituts für Pflanzenernährung der Justus-Liebig-Universität Gießen ist es kürzlich gelungen, salzresistente Maispflanzen auf klassischem Züchtungsweg zu entwickeln. Damit konnte eine grundlegende Voraussetzung geschaffen werden, den Anbau von Nutzpflanzen auf versalztem Kulturland zu ermöglichen.

In zahlreichen Versuchen konnte gezeigt werden, dass Maispflanzen verschiedene physiologische Strategien verfolgen, um hohe Salzkonzentrationen im Boden zu überstehen. Neben der Anlage zur Vermeidung von toxischen Ionenanreicherungen im pflanzlichen Gewebe besitzen manche Pflanzen eine stärker ausgeprägte Fähigkeit, auch Wassermangel unter salinen Bodenbedingungen besser zu überstehen. Als Ziel galt es, die verschiedenen Resistenzstrategien durch Kreuzung geeigneter Elternlinien in einem Pflanzentyp zu vereinen. Eine komplexe Anzahl verschiedenster Gene ist an der Ausprägung jeder einzelnen Resistenzstrategie beteiligt. Die Wissenschaftler fanden indes heraus, dass sich die Salzverträglichkeit von Maispflanzen anhand einzelner leicht erfassbarer physiologischer Parameter charakterisieren lässt. Diese Erkenntnis ermöglichte die Auswahl geeigneter Kreuzungseltern und die Überprüfung des Kreuzungserfolgs ohne den Einsatz molekulargenetischer Verfahren. Zur Weiterzucht wurden reinerbige Pflanzen, die unter salinen Bedingungen ein gutes Wachstum und niedrige Natriumkonzentrationen im Blattgewebe aufwiesen, verwendet. Am Ende konnten salzresistente Hybridpflanzen hervorgebracht werden. Damit gelang den Wissenschaftlern ein Fortschritt, der durch den Einsatz molekulargenetischer und konventioneller Methoden bisher noch nicht erreicht werden konnte.

Einen ausführlichen Bericht zu diesem Thema finden Sie in der neuesten Ausgabe des „Spiegels der Forschung“, dem Wissenschaftsmagazin der Justus-Liebig-Universität Gießen, der gerade erschienen ist. Schwerpunktthema in dieser Ausgabe ist die Öffnung der Berliner Mauer im Jahr 1989.

Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/spiegel-der-forschung

Uni-Pressemitteilung