Wissenschaft in der Kritik

Beispiel Gentechnik in der Landwirtschaft

Bildungskritik ist zur Zeit vieldiskutiert. Überall wird gespart und gekürzt. Damit einher geht aber auch eine Kommerzialisierung der Forschungslandschaft, die zunehmend nach wirtschaftlichen Interessen ausgerichtet wird. Um dieses Thema unter die Lupe zu nehmen, startete am vergangenen Dienstag eine Vortragsreihe des Instituts für Ernährungswissenschaften mit einem kritischen Überblick über die aktuelle horrende Forschungsförderung im Bereich der Agro-Gentechnik. Dr. Steffi Ober, Referentin für Agro-Gentechnik und Naturschutz des Naturschutzbundes NaBu Deutschland, referierte ausführlich und kompetent über den aktuellen Biotechnologie-Trend in der Forschung. Nach eineinhalb Stunden Vortrag hatten die ca. 30 ZuhörerInnen einen umfassenden Überblick über die extistierenden Projekte und Obers Kritik daran.

Zur Einführung ging der Gastgeber Prof. Dr. Krawinkel anhand von Habermas-Zitaten auf die Frage ein, was eigentlich unter kritischer Wissenschaft zu verstehen sei. Er konstatierte, dass Wissenschaft von einer Fragestellung ausgehen müsse: Was ist das Problem, für das ich eine Lösung finden will? Ein herrschafts-freier Dialog, wie Habermas ihn darstelle, würde kritische Wissenschaft fördern. Allerdings stellte
Krawinkel fest, dass „politisch und wirtschaftlich motivierte Forschungsförderung von kritischer Reflexion ablenken“. Die Risiken und Nebenwirkungen der Agro-Gentechnik (z.B. unerwünschte Nebeneffekte) würden nicht diskutiert, obwohl sie bekannt seien. Er räumte erneut mit Habermas-Worten ein, dass Biotechnologie-Forschung nicht verhindert werden sollte. Allerdings müsste sie wesentlich umsichtiger zu Werke gehen. Als positives Beispiel dafür nannte er ein Gemüse-Züchtungsinstitut in Taiwan, in dem Forschung an gentechnisch-veränderten Pflanzen in einem doppelwandig gesicherten Gewächshaus stattfänden.

Dr. Ober griff die Herleitung von Prof. Dr. Krawinkel auf und gliederte ihre Einleitung in Herausforderungen und die daraus entstehenden Analysen und Lösungsansätze. Sie stellte drei Ansätze vor, die nachhaltige Lösungen für die Problemfelder Klimawandel, Welternährung, Erhaltung der Biodiversität, Konkurrenz pflanzlicher Produkte als Lebensmittel, Energielieferant oder nachwachsender Rohstoff suchten: IAASTD-Bericht, Deutsche Bank Research und UNCTAD-Bericht. Diese Analysen plädierten für eine multifunktionale und ökologisierte Landwirtschaft.
Weltagrarbericht

Im Gegensatz zu diesen lösungsorientierten Studien würde in der Öffentlichkeit immer wieder das Dogma der notwendigen Lebensmittelproduktionssteigerung gepredigt, ohne z.B. dazu zu sagen, dass seit Jahrzehnten genügend Lebensmittel produziert werden, die allerdings nicht dort genutzt würden, wo die größte Armut und Hunger herrscht. Ein Grund dafür ist z.B. der massenhafte Fleischkonsum in den Industrieländern, für dessen Aufrechterhaltung und Steigerung tatsächlich mehr Nahrungsmittel produziert werden müssten. Die Frage danach, ob wir das überhaupt wollten und ob das gesund sei, würde in der Öffentlichkeit nicht gestellt.

Als nächstes stellte Ober die federführenden Akteure in der deutschen Forschungslandschaft vor: das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter Annette Schavan und das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) unter Ilse Aigner sowie die diversen zuständigen Bundesämter. Unter der Leitung des BMBF stehe zum Beispiel seit 2006 die Hightech-Strategie. Bis 2019 stünden dafür 18 Mrd. Euro bereit. Wider Erwarten stünden in der Vorstellung dieser Kampagne jedoch nicht die Lösung der schon genannten Herausforderungen an erster Stelle, sondern Produkte, die „schnell und erfolgreich am Markt umgesetzt werden“ könnten. Nicht die Welternährung stehe hier im Vordergrund, sondern das „Humankapitalpotenzial“.

Die Forschungsausgaben des BMELV fielen weit geringer aus als die des BMBF, zudem müssten ein Drittel der Mittel wiederum bei anderen Geldgebern (EU etc.) selbst eingeworben werden. Im Bereich der Landwirtschaft spiele die Landwirtschaft selbst skandalöserweise eine untergeordnete Rolle unter der Biotechnologiewissenschaft und der Wirtschaft.

Weiterhin stellte die NaBu-Vertreterin diverse Forschungsprogramme konkret vor. Unter anderem jene, in denen auch hiesige ProfessorInnen mitarbeiten. Z.B. das Inno Regio-Projekt BioOK in Mecklenburg-Vorpommern, wo letztes Jahr noch die Gießener Gentechnik-Gerste wuchs. Oder das GABI-Verbund-Projekt, in dem die Pflanzengenome entschlüsselt werden sollen. Auch an der Biosicherheitsforschung sind Gießener ProfesserInnen beteiligt.

Allgemein kann gesagt werden, dass die Förderprogramme nicht dazu dienen, die anfangs genannten Problemstellungen wirkungsvoll anzugehen. Wenn z.B. in regionalen Förderprogrammen (Inno Regio) Fördergelder theoretisch dazu dienen sollen, kleine und mittelständische Unternehmen im Bereich der Agro-Gentechnik auf den Weg zu bringen, so ist der Trend trotzdem zur Zeit rückläufig: die Zahl der Unternehmen nimmt ab und die Investitionen der Privatwirtschaft sinken. Kleinere und mittelständische Unternehmen gehen entweder pleite oder werden von größeren wie BASF, Bayer oder KWS aufgekauft.

Die einzelnen Förderprogramme gingen meist von Wissen als Ware aus, die patentiert, ge- und verkauft werden könnte. Steigerungslogik und Wettbewerbsideologie verhinderten nachhaltige ökologische Ansätze. Konkurrenz und Wettbewerb um Forschungsstandorte und den Standort Deutschland seien die vorherrschenden Prinzipien.

Auch die Biosicherheitsforschung wurde von Ober kritisiert: untersucht würden meist nicht die tatsächlich auftretenden Probleme, sondern die Sicherheit zukünftiger gentechnischer Produkte. „Damit entwickelt das BMBF die Sicherheitsstrategien für die Anwender, als würde der TÜV für ein Auto die Bremsen entwickeln, statt sie zu überprüfen“, konstatierte Ober. Der NaBu stelle dagegen ein Programm der ökologischen Begleitforschung, dass tatsächlich Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen untersucht und da anfängt, wo die öffentliche Forschung aufhört.

Zum Abschluss fasste Prof. Krawinkel noch einmal bedauerliche Entwicklungen in der aktuellen Forschungslandschaft zusammen: die aktuelle Forschungspolitik führe zu Vermeidungsstrategien, so dass schon gehegte Forschungsansätze jeweils so umgeschrieben würden, dass sie in eines der ausgeschriebenen Raster passten. Und positive Erwartungen würden zu optimistisch formuliert.

Alles in allem war dieser Vortrag eine eindrückliche Darstellung wissenschaftlicher Realitäten, die leider selten in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Ironie des Schicksals: Zur gleichen Zeit fand im gleichen Gebäude eine Vorstellung der Tätigkeitsfelder für Studierende im Agrar-Unternehmen BayerCropScience mit ca 40 TeilnehmerInnen statt…

Die nächsten Veranstaltungen finden statt am 15. Juni und 13. Juli, jeweils 18 Uhr im Zeughaus, Senckenbergstr. 3, Gießen. Die Themen werden sein „Technikfolgenabschätzung in der Agro-Gentechnik“ mit Dr. Christoph Then, München, und eine Kino-Vorabpremiere des Films „Gekaufte Wahrheit“ von Bertram Verhaag, DenkMal-Film München. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen zu diesem Thema:
www.foerderinfo.bund.de
www.agassessment.org/