Demonstration für die Erhaltung der Nulltoleranz im Saatgut

Etwa 200 Menschen waren angesichts der anstehenden Bundesrats-Abstimmung in Gießen zusammengekommen. Passend zur Aktionswoche von Campact und Save our Seeds in mehreren deutschen Landeshauptstädten, war kurzfristig zu dieser regional organisierten Demonstration eingeladen worden, in die Stadt, in der der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier zu Hause ist. Während sich der Demonstrationszug durch die Stadt bewegte, wurde er begleitet von einer bunt zusammen gestellten Musik aller möglichen Stilrichtungen über Gentechnik in mehreren Sprachen. Die OrganisatorInnen der Demonstration verteilten einen Text von Dr. Peter Hamel von der Zivilcourage Vogelsberg. Dieser kommt in seinem Aufsatz „Sauberes Saatgut in Gefahr“ zu dem Schluss, dass entweder die Koexistenz zwischen GVO-Anbau und gentechnikfreier Landwirtschaft möglich sei, dann wären Schwellenwerte im Saatgut überflüssig. Oder Saatgut sei nicht mehr von GVO freizuhalten, womit dann bewiesen wäre, dass Koexistenz nicht möglich sei. Dann müsse folgerichtig der gesamte GVO-Anbau in der EU verboten werden. „Da können aus einem Schwellenwert von z.b. 0,3 % gentechnisch veränderter Anteil im Saatgut während der Blütezeit ganz schnell 30% GVO-Anteil im Erntegut werden.“

Achim Wagner, Demeter Aktiv Partner, eröffnete den Reigen der Redebeiträge und bekräftigte die Bedeutung von Saatgut ohne gentechnisch veränderten Verunreinigungen für alle biologisch wirtschaftenden Betriebe. Die Freiheit von gentechnisch veränderten Organismen sei für alle Anbauverbände der biologischen Landwirtschaft wichtige Grundlage.

In der Gießener Fußgängerzone wies Jörg Bergstedt am Beispiel des Liberty-Link-Reises von Bayer auf die Parallele zwischen Atomkraft und Gentechnik hin. Beides seien unbeherrschbare Technologien. Ein kleines Versuchsfeld dieser Reissorte hatte 2006 zu einem weltweiten Verunreinigungsskandal geführt. Die Gentechnik trage sogar noch selbst zu ihrer Verbreitung bei, während man bei Atomkraft zumindest von wenn auch hohen Halbwertzeiten ausgehen könne. Bergstedt sitzt gerade die letzten Tage einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen einer Feldbefreiung eines gentechnisch veränderten Gerstenfeldes der Uni Gießen im offenen Vollzug ab.

Unter den Demonstrierenden war auch eine Abordnung eines Naturland-Betriebs in Hungen und der Bingenheimer Saatgut AG. Gebhard Rossmanith, der Vorstand der AG, schilderte die Mais- Kontaminationsfälle aus dem vergangenen Jahr, wo eben verunreinigtes Saatgut von Pioneer in Umlauf geraten, und erst nach der Aussaat bekannt geworden war. Dieser Fall zeige, wie nötig die Nulltoleranz sei, und dass die Behörden sehr wohl einsatzfähig seien, betonte Rossmanith. Oft werde diese jedoch durch die Verflechtung der Interessen von Saatgutindustrie und diversen Länderbehörden erschwert.

Robert Malessa, einer der OrganisatorInnen der Demonstration, rührte bei der Abschlusskundgebung auf dem Gießener Kirchplatz die Werbetrommel für nachbaufähige, samenfeste Sorten zum Beispiel von der Firma Dreschflegel. Außerdem wies er auf die Einflussmöglichkeiten der Menschen hin, ihre Einlagen bei den ethisch, sozial und ökologisch orientierten Bank z.B. bei der GLS für ökologische Landwirtschaft arbeiten zu lassen, statt es den herkömmlichen Banken zu überlassen oder in undurchsichtige Fonds zu investieren. Es gebe Banken, die Ehtik- und ökologische Filter für Anlagemöglichkeiten ansetzten, um nicht in Waffenproduktion oder eben Gentechnik zu investieren.

Simone Ott von der AG Agro-Gentechnik Gießen bekräftigte die Forderung an die Politik, die absolute Gentechnikfreiheit von Saatgut sicherzustellen und weiterhin alles zu unternehmen um gentechnikfreie Nahrungsmittel für Verbraucher, Lebensmittelhersteller und BäuerInnen zu sichern, also keine schleichende Kontamination zuzulassen. Daraufhin wies Simone Ott auf den mitgebrachten Infostand hin, wo sich Materialien zu ethischen Banken, Nulltoleranz im Saatgut, den Verflechtungen zwischen Gentechnik-Industrie, -Wissenschaft und -Behörden etc. befanden.

Zu guter Letzt richtete noch Felix von Löwenstein, Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft, der zur Wissenschaftstagung ökologischer Landbau an der Uni Gießen angereist war, und spontan zur Demonstration gestoßen war, ein Grußwort an die Anwesenden. Er forderte von den Saatgutunternehmen, die Reinheit des Saatgutes noch vor der Auslieferung sicherzustellen. Das sei ihm wichtiger als nach der Aussaat entschädigt zu werden. Er rief die Anwesenden dazu auf, den Gentechnik-Protest weiter zu tragen, da ein Kampf auf rein wissenschaftlicher Ebene allein nicht erfolgreich sein, sondern nur mit Hilfe der BürgerInnen und einer breiten Protestbewegung gewonnen werden könne.

Redaktion: Simone Ott, Robert Malessa, 17.03.2011